Donnerstag, 05. März 2009
Modelleisenbahn und Finanzkrise
Haben die beiden Begriffe überhaupt etwas gemeinsam? Ausser, dass heute in der Tageszeitung beide auf der ersten Seite erw?hnt wurden? Bei der Finanzkrise haben wir uns ja mittlerweile daran gew?hnt, dass sie sehr prominenten Eingang in so ziemlich alle Print- und Onlinemedien gefunden hat. In den letzten Tagen, wenn in der Schweiz sozusagen ein Generationenwechsel in der Föhrung des einen Finanzinstituts ansteht, ein Generationenwechsel hin zu denen, die fast unsere V?ter sein könnten, erh?lt das Thema noch mehr Auftrieb. Die Modellbahn, gemeint ist hier im Speziellen M?rklin, DAS eigentliche Symbol, eines jeden Modelleisenbahners, tritt weniger h?ufig auf, aber seit einiger Zeit immer ?fter und vor allem mit schlechten Nachrichten. So musste jetzt die Insolvenzerkl?rung abgegeben werden. Der Prellbock am Ende des Geleises scheint in Sichtweite zu stehen.Und doch ist der Zusammenhang von Modelleisenbahn und Finanzkrise gr?sser als wir meinen.
Dazu vielleicht folgende Erklärung: fr?her, als wir noch jung waren, besch?ftigten wir uns tagelang mit Spielwaren, im Speziellen vielleicht mit der Modell-Eisenbahn des Vaters, oder vielleicht haben wir zu Weihnachten auch eine eigene geschenkt bekommen. Die Eltern vertrauten darauf, dass wir uns hier mit etwas Sinnvollem auf sinnvolle Weise besch?ftigen, etwas daraus lernen, f?r das spätere Leben. Wir haben herumexperimentiert. Mit dem Strom, mit der Fliehkraft, mit der angeh?ngten Last, mit der Kraft der Lokomotiven. Die Bergfahrten wurden immer steiler, so lange bis alle R?der an der Lok durchdrehten. Es musste eine zweite Lok her, eine mit Gummiringen an den R?dern (aber auch nicht zuviel, denn der Fahrstrom wurde ja über die R?der aufgenommen). Die Z?ge wurden wieder länger, die Talfahrten und die Kurvenfahrten rasanter. Irgendeinmal war die Talfahrt nicht mehr zu Bremsen, der ganze Zug flog aus der Kurve, vielleicht an die Zimmerwand, jedenfalls auf den Boden. Kaum jede Kupplung, jeder Stromabnehmer, jedes Detail hat diesen Sturz überlebt. Bald beknieten wir unsere V?ter um eine Reparatur, vielleicht um mehr Sackgeld und vielleicht auch um Verzeihung. Wir versprachen Besserung, entschuldigten uns.
Was hat das nun mit der Finanzkrise zu tun? Unsere Ur-Grossv?ter haben vor vielen Jahren einmal das Tauschgesch?ft standardisiert. Über viele Jahre hinweg haben sich viele, teils nur lokal g?ltige M?nzen als Gegenst?ck im Tauschhandel durchgesetzt. Auch hier wurde während Jahrhunderten experimentiert und vereinfacht. Ein richtig transparentes System wurde aufgebaut. Mit der Zeit übergaben die V?ter dieses Werk ihren Jungen. Diese experimentierten weiter, versuchten weiter, vereinfachten hier und dort, machten aber auch stellenweise die ganze Sache so kompliziert, dass kaum mehr einer den Durchblick hatte. Das System bestand ein paar kleinere Ersch?tterungen. Man wurde mutiger, baute noch schneller, noch kompliziertere Kartenh?user. Man klopfte sich gegenseitig kräftig auf die Schulter, man lobte sich, man begann das System auszun?tzen.
Irgendeinmal war da eine Ersch?tterung, die ersten H?uschen brachen zusammen. Die V?ter reichten g?nstiges Geld nach zum Wiederaufbau. Aber die Jungs bauten kräftig an ihren Modellen und Luftschl?ssern weiter, immer gewagter, immer schneller, immer h?her. Das Karrussell drehte so richtig schnell, "no risk no fun" war die Devise. Und viel Risk bedeutete auch viel Geld, viel Lohn, viel Pr?mie.
Dann kam eine gr?ssere Ersch?tterung, der Zerfall war nicht mehr aufzuhalten. Man besch?nigte, "alles nicht so schlimm, das kommt schon wieder". Mittlerweile ist nicht mehr nur der Stromabhnehmer, oder die Wagen-Kupplung, oder ein kleines Detail kaputt. Mittlerweile reicht auch kein Sackgeld mehr, um den Schaden zu flicken. Ganze Industrien versinken im Sumpf, 100e, ja 1'000e von Milliarden, (wobei es nicht mehr drauf ankommt, wessen Geld gemeint ist) werden abgeschrieben oder in die Reparatur gesteckt.
Und jetzt? Wieder stehen wir vor denen die fast unsere V?ter sein könnten, wieder betteln wir um Hilfe, wieder hoffen wir, vielleicht auch vertrauen wir darauf, dass unsere Vorfahren eine Lösung haben, den Schaden flicken können.
Irgndwie beginne ich mich für unsere Generation zu sch?men. Zu sch?men vor unseren V?tern die Grandioses aufgebaut haben und das wir nun, aus welchen Gründen auch immer, nicht aus eigener Kraft fortsetzen können.
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