Mittwoch, 07. Mai 2008
Habsburger Gedenkjahr 2008, Teil III
Der gestrige Vortrag im Rahmen der neueren Habsburgforschung widmete sich vor allem dem Thema des Adels. Wie sich der Adel entwickelte, wie er sich anpasste, allenfalls auch überleben konnte.Der Referent beleuchtete dabei vor allem die Verh?ltnisse zu zwei alten Adelsgeschlechter aus der Gegend. Die Familie M?linen, erstmals erw?hnt im Jahre 1213, als Schultheissen von Brugg, und die Familie Gessler von Brunegg.
Zum besseren Verständnis der Sitution um 1300 herum, muss man wissen, dass die Habsburger im Raum Ost- und Zentralschweiz, sowie Süddeutschland viele unzusammenh?ngende Siedlungen zu verwalten hatten. Das konnten einzelne Bauernd?rfer, bestehend aus zwei bis drei H?fen sein, das konnte eine Kirche sein, vielleicht eine Br?cke, ein Gasthof. Oftmals weit verstreut. Der Aufwand, hier Steuern und Abgaben einzutreiben muss immens gewesen sein. Zudem schadet ja auch eine Pr?senz "des Chefs" vor Ort nichts. Vielleicht auch deshalb, waren die Habsburger dauernd auf Reisen und vielleicht auch deshalb, litten sie dauernd unter einem Mangel an Geld.
Diesen Geldmangel der Habsburger machten sich einzelne wohlhabende Familien zu Nutze. Sie machten Darlehen an die Habsburger und erhielten dafür als Pfand entsprechend L?ndereien und Gutsbetriebe. Mit etwas Geschick gelang es ihnen gr?ssere, zusammenh?ngende, sogenannte ?mter zu bilden, Beispiele dafür sind das Freiamt, das Eigenamt, oder auch das frühere Amt am Bözberg. Die so erworbenen Pf?nder mussten erst wieder an die Habsburger zurückgegeben werden, wenn diese das Darlehen zurückzahlen konnten. Der Ertrag aus den ?mtern gehörte den wohlhabenden Familien, eben den teils selbsterw?hlten Adelsgeschlechtern. Die Abh?ngigkeit der Habsburger von solchen Familien wurde immer gr?sser, vor allem, als diese begonnen haben, in die ?mter zu investieren, zu erweitern. Damit erh?hte sich dann der Wert des Pfandes und damit auch die Schuld der Habsburger. Die Adeligen wollten ja nicht unbedingt, dass die Habsburger auch tatsächlichdas Darlehen zurückzahlen konnten. Einigen Familien gelang es auch, so eine Art persönlicher Berater für die Habsburger zu werden. Sie verhandelten mit anderen Herrschern über Heiratsm?glichkeiten, L?ndertausch, sie reisten im Auftrag der Habsburger zu Papst und Bisch?fen. Sie hatten die Rolle von Diplomaten inne.
Zu dieser Zeit bekamen die St?dte eine neue Rolle. St?dte mit einem regul?ren Markt, vielleicht noch mit einer Br?cke, jedenfalls aber Strassen und übernachtungsgelegenheiten konnten Steuern und Abgaben erheben. Sie wuchsen nach heutiger Betrachtungsweise regelrecht zu "Cashcows", zu Geldsammelstellen heran. Und Geld war ja gesucht.
Wie sich das konkret auf die Adelsfamilien ausgewirkt hat kann man am Beispiel der erw?hnten beiden Familien sehen.
Familie von M?linen: wurden urkundlich als die ersten Schultheissen von Brugg erw?hnt. Sie trieben hier die Steuern und Abgaben ein. Föhrten aber an und für sich ein eher bescheidenes und zurückgezogenes Leben. Später erwarben sie das Kloster Kastelen im Schenkenbergertal und zogen dorthin um. Der letzte Nachkomme der Familie soll zur Zeit im hohen Alter von 85 Jahren in der Gegend von Genf leben. Es gibt Nachweise, wonach ein Zweig der Familie mindestens vorübergehend im Tirol / Vorarlberg wohnte und dort während den schlimmsten Zeiten der Habsburger, diese verstecken konnte.
Die Familie Gessler gab sich da weit weniger bescheiden, hatte aber auch deutlich mehr Geld zur Verf?gung. Sie erwarben L?nder im Freiamt, in der Gegend von Brugg und am oberen Ende des Zürichsees. Ein Rätsel ist auch heute noch, wie es der Familie gelang, zu immer mehr Geld zu kommen. Ihr Reichtum wuchs beinahe explosionsartig an. Innerhalb weniger Generationen wurde Sie zu einem der grüssten Adelsgeschlechter im Raum Ostschweiz - Zentralschweiz.
Die Adelsfamilien hatten aber allesamt das selbe Problem. Die Habsburger waren eigentlich verantwortlich für die Sicherheit der L?ndereien, auch der verpf?ndeten. Als dann die Machtanspr?che der Berner, Luzerner, der Savoyer und der Süddeutschen zu wachsen begannen, fehlte den Habsbrugern das Geld, gr?ssere stehende Verteidigungsheere zu mobilisieren. Die Adelsfamilien waren auch nicht auf eine solche Situation vorbereitet und hatten ebenfalls keine schlagkr?ftigen Verteidigungs- oder gar R?ckeroberungselemente zur Verf?gung. In einzelnen F?llen ist auch bekannt, dass die Habsburger die L?ndereien absichtlich fallen gelassen haben und so ihre Schulden "beglichen" haben. Um zus?tzlich zu Geld zu kommen, vogteten einzelne Familien ihre verpf?ndeten L?ndereien regelrecht. Das führte zu weiteren Streiterein, der Untertanen gegen ihren Vogt, eben gegen die wohlhabende Adelsfamilie. Die ber?hmtesten Beispiele dafür d?rften wohl die Schlacht von Morgarten und Sempach sein. Der Gessler vom Tellenschuss bekannt, war einer aus unserer Umgebung. Einer der Nachkommen der Gesslers von Brunegg.
Die ganze kriegerische Stimmung erh?lt einen Höhepunkt in dem Moment, als Maximilian im Schwabenkrieg zur Bek?mpfung der Eidgenossen aufruft.
Spätestens unter diesen Umst?nden waren die Adelsfamilien gezwungen, ihre eigene Haut zu retten. Man versuchte die L?ndereien an die Eroberer möglichst gewinnbringend abzusetzen und irgendwie unterzutauchen. So gesehen, stellte die damalige R?ckeroberung des Aargaus durch die Berner eigentlich nur den Rauswurf der Landv?gte dar. R?ckwirkend betrachtet, eine Trendwende, die sich vermutlich auch ohne, oder sicherlich mit weit weniger kriegerischen Handlungen ergeben hätte. Die Familie Gessler Übrigens überlebte diese Quereln nicht. Die heutigen Gesslers haben keinerlei direkte Verbindung zu diesem ehemaligen Adelsgeschlecht.
Dies zwei sehr unterschiedliche Beispiele des Verhaltens des Adels aus der Habsburger-Zeit. Der Geldmangel der Habsburger legte sich Übrigens auch dann nicht, als es ihnen gelang, Silberminen im Tirol auszubeuten.
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