Sonntag, 18. Mai 2008
Die Bergfahrt
Bei meiner Planung zu den kommenden Sommerferien, der Rundfahrt durch Savoyen, ist auch immer noch die Frage ein Thema, ob ich eher mit dem Renner oder mit dem Mountainbike fahren soll. Mit dem Mountainbike hätte ich vielleicht die Möglichkeit, die eine oder andere Abkürzung, oder vielleicht auch die eine oder andere alte Passstrasse zu befahren. Hingegen mit dem Renner, sollte die Strasse nach Möglichkeit mit einem vernünftigen Belag befestigt sein. Auch ist die übersetzung am Renner etwas grösser, und damit verbunden auch die Höhenmeter etwas schweisstreibender. Diese Gedanken müssen mich wohl kürzlich nach dem Einschlafen beschäftigt haben. Oder lese ich zuviel in den Blogs der Mountainbiker?Ich kurble mit dem Mountainbike auf einer steilen, alten, holprigen und staubigen Passstrasse seit Stunden in die Höhe. Weil ich es nicht sein lassen kann, befindet sich im Monoporter (Veloanhänger) unter anderem der Notebook, sowie zugeh?rige Adapter und Akkus auch der ?brigen Elektronik vom Handy über Fotoapparat bis hin zu GPS. Die Gegend ist sehr schön. Mit jedem gewonnen Höhenmeter r?cken weitere, verschneite Berggipfel in meine Sicht. Weit unten im Tal, ein kleines B?chlein, l?ngst zu einem Rinnsaal verkleinert. Die einzelnen Maiens?ssen und Heugaden sind zu kleinsten Modellh?uschen zusammengeschrumpft. Von unten weht ein warmer, austrocknender Wind über die heissen Felsen in die Höhe. Die Baumgrenze habe ich vor kurzem unter mir gelassen. Soeben passiere ich eine dieser Tafeln zur Warnung vor Steinschlag.
Ich habe diesmal die alte Passstrasse gew?hlt, weil ich es sinnvoller finde mit dem Mountainbike auf zwar holprigen, aber dafür ungeteerten Strassen bergw?rts zu fahren. Ist irgendwie idyllischer, vor allem viel ruhiger. Keine Autos, keine Motorr?der, nur hie und da ein Stein aus dem eigenen Pneuprofil der irgendwohin gespickt wird. Vor mir wieder einmal eines dieser meist kurzen, unbeleuchteten aber auch kühlen Tunnels.
Gleich nach dem Tunnel geht es wieder an der heissen Felswand weiter hinauf. Der thermische Wind aus dem Tal bl?st immer wärmer. Ich nehme einen weiteren Schluck Wasser aus dem Bidon. Schon wieder passiere ich eine dieser Steinschlagswarnungs-Tafeln. Die auf dem GPS angezeigte Restdistanz bis zur Passhöhe kann heute nicht stimmen. Manchmal hat das GPS nicht gen?gend Satelliten im Zugriff um eine verl?ssliche Berechnung zu machen. Des ?ftern fällt es heute auch aus mit der Meldung "kein Satellitenempfang. Soll GPS ohne Satelliten genutzt werden?", wof?r schleppe ich denn dieses Ding hier überhaupt rauf? Aber hier zwischen diesen Tunnels, und unter den überh?ngenden Felsw?nden wird wohl nichts besseres erwartet werden können.
Ich nehme einen weiteren Schluck aus dem Bidon. Dieser f?hlt sich mittlerweile schon fast leer an, und doch bin ich noch lange nicht oben. Ganz in der N?he pfeifft irgend ein Murmeltier. Von meinem Helm tropft der Schweiss teils auf die Oberschenkel, teils auf den Lenker. Obwohl ich schon über 2'000 Meter über Meer bin, f?hlt sich alles heiss und trocken an.
Wieder ein kurzes, kühles Tunnel, dahinter gleich eine enge Rechtskurve. Ich kurble immer schön in der gleichen Frequenz weiter, maschinell, bald ohne etwas zu überlegen ... die Strasse ist fertig! Abgerutscht, zerbr?ckelt, der Felswand entlang noch so ein letzter kleiner Rest. Auf der anderen Seite, vielleicht 20 Meter, geht sie weiter. Und jetzt?
20 Meter! Nur 20 Meter? HinÜberfahren geht nicht, nicht mit dem Anhänger. Der Anhänger hat zwar nur ein Mittelrad und würde genau hinter dem Rad des Mountainbikes nachfahren. 15 Kilo Gep?ck sind auf dem Anhänger. W?rde das Mountainbike ins Rutschen kommen? W?rde der Anhänger mitrutschen? Habe ich Platz, neben Mountainbike und Monoporter diese 20 Meter hinÜberzumarschieren? Anhänger abh?ngen, Mountainbike rÜberfahren / rÜberstellen, zurückkommen und Monoporter von Hand hinÜberstellen? Oder sogar Monoporter und Gep?ck separat über diese 20 Meter transportieren? Komme mir vor wie damals in der Schule, als das Rätsel zu lösen war, eine Ziege, einen Wolf und einen Kohl von der Insel in einem Boot heil auf das Festland zu bringen, ohne dass einer vom andern gefressen wird.
Der Aufwind weht immer noch, trocknet aus. Der letzte Schluck Wasser aus dem Bidon ... spare ich mir für später auf. Die Sonne brennt genau auf diese Stelle hier, noch nie schienen 20 Meter so weit zu sein. Noch nie war ein Abgrund so tief und bedrohlich. Ein Murmeltier pfeifft. Der Pfiff t?nt irgendwie h?hnisch: "He du, Mountainbiker, das hast Du nicht erwartet, he?"
Da, auf der anderen Seite des Abgrundes steht plötzlich ein anderer Mountainbiker, schaut sich die Sache an, nimmt Anlauf. Ich schliesse die Augen, rufe "neeeeeiiiiin" ... und schon ruft er mir im Vorbeifahren zu: "Singeltrails sollte man fahren können", und verschwindet hinter dem nächsten Felsvorsprung.
Schweissgebadet und mit ausgetrocknetem Mund liege ich im Bett: Sollte ich mich vielleicht doch etwas mehr um Singeltrails k?mmern? Ist die Fahrerei mit dem Renner doch zu einseitig? Oder lese ich nur zuviel bei den Mountainbikern in den Weblogs mit?
in Aus dem Leben gegriffen •
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erhaltene Kommentare:
So ist eben Mountainbiken! Herrlicher Beitrag…
Wenn ich das Programm Deiner Rundfahrt sehe, ist wohl der Renner trotzdem die bessere Wahl.eingetragen von Spoony, am 18.05.2008 um 23:09
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meine letzten Trainings, eingesendet an Sportstracklive:
Meine letzten Fahrten, eingesendet bei Strava:
Meine Fahrten über Pässe (seit März 2012), registriert bei Quäldich:
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