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Als Aargauer unterwegs
(Spass auf schmalen Reifen)

Samstag, 16. Oktober 2004

Euroride auf den Spuren von Hannibal?

Hannibal konnte mit seinen Elefanten nicht darauf aus sein, über möglichst viele Pässe zu steigen. So w?hlte er denn im Gegensatz zu uns, das Rhonetal, das Tal der Is?re und das Tal der Arc, um möglichst nahe an die franz?sisch / italienische Grenze zu kommen. Seinen Weg haben wir aber sicherlich in der N?he von Sagunt und später sicherlich in der Maurienne, zwischen dem Col du T?l?graph und dem Col da la Madeleine, im Tal der Arc, gekreuzt. Weitere Begegnungen im hinteren K?stenland von Spanien und Frankreich, können ebenfalls nicht ausgeschlossen werden.





Wo Hannibal über die Alpen zog

Vor 2222 Jahren zog der karthagische Feldherr durch das Tal der Arc in Savoyen

Warum will Savoyen nichts von Hannibal wissen? Der junge karthagische Feldherr Hannibal zog vor 2222 Jahren mit einem riesigen Heer samt Elefanten und Pferden über die französischen Westalpen. Er hatte vor, die Republik Rom zu zerschlagen, um die ph?nizischen Niederlassungen rund um das Mittelmeer zu sichern.

Doe. Bramans, im September

Im Tal der Arc wissen wenige von Hannibals tollk?hner Alpen-Traverse und darÜber, dass der karthagische Feldherr mit 37 Afrikanischen Elefanten, Tausenden von Pferden, numidischen und libyschen, spanischen und gallischen Soldaten und S?ldnern genau hier vorbeikam. Bramans ist ein verschlafenes Nest in der Haute Maurienne, wie das Arc-Tal in Savoyen heisst. Die junge Dame im Office de Tourisme von Bramans sagt, der Hannibal-Zug sei ?eine Möglichkeit?; sie bedaure, keine Unterlagen zu haben, wenn G?ste N?heres wissen wollten. Auf eine schriftliche Anfrage hin lautet die Antwort, Hannibals Marsch über die Westalpen ins Piemont, etwa zw?lf Kilometer ?stlich von Bramans, am Lac de Savine vorbei, sei reine Spekulation, es gebe keine Beweise dafür. Anderer Meinung ist in St-Jean, dem Hauptort der Maurienne, der Pr?sident der lokalen geschichtsforschenden Gesellschaft, Pierre Dompnier. Er glaubt an die historischen Belege für die Hannibal-Route und freut sich, den Gast nicht erst überzeugen zu müssen. Doch für regionale Imagepflege oder Tourismuswerbung mag sich der pensionierte Gymnasiallehrer nicht einsetzen.

Napoleon - das reicht Hannibal ins allgemeine Bewusstsein der Einheimischen zurückzuholen, scheint ein m?ssiges Unterfangen, solange sie auf Napoleon als Erbauer der modernen Strasse im Tal und über den Mont Cenis und damit als wirtschaftlichen Wohlt?ter pochen. ?Il ?tait quand-m?me un des plus grands fran?ais?, wie der stellvertretende BÄrgermeister eher kurz angebunden meint. Gegen den immer noch zu Unrecht verehrten Kaiser anzutreten, ist für einen antiken Nordafrikaner in Frankreich schwer, doppelt schwer, wenn einerseits handfeste arch?ologische Beweise fehlen und anderseits die Legendenbildung mager ist, da sie im Laufe von 2000 Jahren versandete. Und doch wird es in diesem Sp?therbst 2222 Jahre her sein, dass Hannibal, aus Spanien kommend und der Rhone folgend, mit einem schlagkr?ftigen Heer von gegen 50 000 Mann durch das Arc-Tal gezogen ist.

Unterliegt dieses spannende Detail der europ?ischen Geschichte etwa noch wissenschaftlichem Streit? Oder ist es eine Ermessensfrage oder gar ein Glaubensakt, dass hier eine erste Irref?hrung des r?mischen Feldherrn Scipio durch Hannibal den Auftakt des Zweiten Punischen Kriegs bildete, den der erst 25-j?hrige karthagische Feldherr ins Kerngebiet der r?mischen Republik trug? Zuerst hatte Scipio ihn auf der leichteren Route entlang dem Mittelmeer erwartet, um die Invasion zu stoppen, dann zog Scipio zum Aosta-Tal, weil er annahm, Hannibal werde der Is?re bis zum Kleinen St. Bernhard folgen, der damals der leichteste übergang war. Aber wie gut 1700 Jahre später Fran?ois Ier die Eidgenossen überrumpelte, indem er einen anderen Pass als den erwarteten w?hlte, um sie dann bei Marignano zu schlagen, gelang dem Karthager die T?uschung seiner Gegner, die er am Ticino ein erstes Mal schlug.

Welcher Pass? Nein, es ist seit vielen Jahrzehnten keine Streit- oder Ermessensfrage mehr, dass das karthagische Heer Anfang November 218 vor unserer Zeitrechnung, zwischen dem Mont Cenis und dem Mont Gen?vre, von gallischen Föhrern über einen damals viel begangenen Pass ins Piemont, die damals noch nicht r?mische Gallia cisalpina, geleitet wurde. Dieser Pass, der Clapier, hat im Laufe der Jahrhunderte Anlass zu einiger Verwirrung gegeben, weil er in einem Gebiet liegt, wo alle paar Kilometer ein übergang den Westalpen-Kamm zwischen Frankreich und Italien quert. Denn die antiken Quellen nennen keine Orte, sondern enthalten Angaben über Marschzeit oder Distanzen. Noch ist auf grossmassst?blichen Karten ein Pfad über den Col du Clapier eingezeichnet. Wenige hundert Meter daneben liegt ein zum Teil versch?tteter, uralter Weg über den Col de Savine- Coche. Und dieser, der Savine-Coche, war zusammen mit dem Clapier Hannibals Alpenpass.

Erst viel später, seit dem 13. Jahrhundert, kam der Col du Mont Cenis in Gebrauch. Da beim Aufstieg aus dem Tal von Bramans ein nach Nordosten abzweigender, nach Versch?ttung der alten Route wohl zuerst im 8. Jahrhundert von Karl dem Grossen benutzter Pass noch heute Col du Petit Mont Cenis heisst, wurden die Cenis- überg?nge des ?fteren mit den südlicher liegenden Clapier und Savine-Coche verwechselt. So entstand auch für ernsthafte Wissenschafter ein historisch-geographisch-topographisches Chaos, das auf ungenauer Lektüre oder mangelnder Kritik der historischen Texte sowie Unkenntnis der Lage und der verschiedenen Angaben auf Karten beruhte. Dazu mischten sich immer wieder Abenteurer in die Diskussion - vereinzelt von hohem Rang in anderen Fachgebieten - und publizierten noch in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts Bücher, die der Fachliteratur ?nur? voraushatten, dass sie medienwirksam daherkamen und deshalb Aufmerksamkeit erregten.

Mit Polybios in der Hand Die Fachliteratur war damals vorwiegend französisch und deutsch, während die ?Kn?ller? englisch geschrieben waren. Das ist noch immer so, obwohl es gar keine neue Literatur zum Thema mehr braucht. Denn ausgerechnet hier in Bramans hat einer der Forscher gelebt, die mit wissenschaftlichen Methoden die letzten Zweifel an Hannibals Alpen-Traverse auszur?umen wussten; es war der französisch schreibende englische Arzt, Historiker und Geograph Marc-Antoine de Lavis- Trafford. Ein anderer unbeirrbarer Wahrheitssucher war der Zürcher Althistoriker Ernst Meyer, bekannt für sein Hauptwerk ?R?mischer Staat und Staatsgedanke?. Ihre wesentlichen Publikationen zu Hannibals Alpen-Traverse über den Savine-Coche/Clapier liegen ein halbes Jahrhundert zurück. Der Pass ist 1961 vom Innenministerium in Paris zur Erinnerung an den Gelehrten formell in Pas de Lavis-Trafford umbenannt worden. Die erste scharfsinnige, wieder in Vergessenheit geratene Analyse eines Franzosen ist Übrigens nicht weniger als 120 Jahre alt! Ihnen allen gelang der Nachweis der Route dank stringenter Quellenkritik - gleichsam mit dem antiken Standardwerk des Polybios als Reiseführer in der Hand.

Machen wir uns selbst auf den Weg. Unterkunft bietet oberhalb Bramans das Berghaus ?Chambre d'H?te Lavis-Trafford?. Es ist nicht mehr im Besitze der Familie des Forschers, sondern gehört einem Bergf?hrer-Hotelier-Paar, das seit vier Jahren wirtet. Er, Fran?ois de Grol?e, ist hier aufgewachsen und liest mit Begeisterung in den von Lavis-Trafford hinterlassenen Schriften. Seine Frau Florence ist ebenfalls eine überzeugte Anhängerin von dessen Darstellungen, die neben provenzalischen Themen das an Geschichte reiche Tal der Maurienne kulturhistorisch fassen. Lavis-Trafford hatte auch auf seine Kosten die Ruinen der romanischen Kirche St-Pierre d'Extravache restaurieren lassen - auch sie an der einstigen Route des Karthagers gelegen.

Wie einst Hannibal haben wir es auch ohne Elefanten, Pferde, Heer und Tross eilig, voranzukommen. Leider lässt das Wetter sehr zu w?nschen ?brig, so dass der recht steile Anstieg aus dem Tal über die Crousta besser auf dem Mont Cenis umfahren wird. So verschafft man sich mit dem Gastgeber als bewandertem Föhrer und Skilehrer den überblick über das Passsystem am Mont Cenis. Doch später versinkt auch der Lac de Savine im Nebel, nur die scharfen Dents d'Ambin gr?ssen kurz aus dem Gebrodel - über den Col d'Ambin zog sicher nie ein Heer. Von dort kam auch der Felssturz, der den Savine- Coche-Weg am Ostufer des Seeleins versch?ttete.

Die Poebene in Reichweite Auf der langgezogenen Alp am Bergsee auf gut 2400 Metern Höhe konnte sehr wohl ein Heer sein Lager aufschlagen, wie es der griechisch- r?mische Historiker Polybios schildert, der Hannibals Passage nachvollzog und sich in heute verlorenen Quellen sowie bei Zeitgenossen mit den Fakten eindeckte. Auf dem breiten Joch der zwei Pässe, dem ?promontorium?, zeigte Hannibal bei klarem Wetter Anfang November seinen ersch?pften Truppen die Poebene und versprach ihnen die Reicht?mer Roms. Dazu kam es trotz Hannibals Siegesstr?hne gegen die r?mischen Legionen nie; warum der listige Fuchs den letzten Angriff auf die Hauptstadt nicht wagte, ist unbekannt. - Wir stehen im August im Nebel auf dem ?promontoire? und wollen dem kundigen Begleiter gern glauben, wo Gallia cisalpina und das Gebiet der Taurini (Turin) liegt; an einen Abstieg durch die kalte Suppe ist nicht zu denken.

Am Abendtisch im Chalet Lavis-Trafford fragen französische und belgische G?ste nach ?Hannibals Spuren?. Die gibt es nicht, denn arch?ologische Ausgrabungen im Hochgebirge w?ren kaum finanzierbar. Man fragt zurück, warum denn wohl kaum jemand den Hannibal-Zug als regionalen Höhepunkt verwerte. Die anderen G?ste sind jedenfalls nicht, wie der Schweizer, Hannibals wegen hier. Elefanten im Hochgebirge, da stimmen sie zu, das w?re erstklassige Werbung, umso mehr als sie h?ren, dass schon dreimal kleine Expeditionen mit Dickh?utern verschiedene Routen mit unterschiedlichem Erfolg getestet haben.

Nicht national und allzu kriegerisch Ein Bergwanderer aus Paris gibt eine überzeugende Antwort. Er meint, die französische Geschichte im engen nationalen Sinn dominiere in den Schulen derart, dass neben den Königen von Chlodwig bis Ludwig XIV. und der Revolution oder Bonaparte kaum Zeit für weitere Zusammenh?nge bleibe. Eine Gymnasiastin aus der Provence bestätigt, sie habe sogar, als Rom im Lyc?e an der Reihe war, nie etwas von Hannibal gehört. Die Geschichte geh?re wohl immer den Siegern, wirft ihre Mutter ein, und das waren die R?mer. Eine Belgierin erg?nzt, die zwei Weltkriege besch?ftigten uns noch sehr.

Vielleicht sind Kriege an sich nicht mehr gefragt als Thema. Ein noch so brillanter nordafrikanischer Stratege und Staatsmann aus einer untergegangenen Kultur und Ethnie wie Hannibal aus dem Geschlecht der Barkiden taugt vielleicht deshalb nicht als Werbetr?ger. Aber auch als Mensch und Charakter ist er zu wenig fassbar - das wusste die Historiographie der Sieger zu verhindern. Oder es werden vorwiegend Hannibals negative Eigenschaften wie T?cke und Geldgier kolportiert. Von Augustinus bis Machiavelli, von Napoleon bis Ranke waren alle, die sich über den Karthager ?usserten, in erster Linie Kinder ihrer eigenen Zeit. Erst der grosse Toynbee hat ihn in die Universalgeschichte aufgenommen. Da liegt ein weites Feld für Romanciers fast unbeackert.





Ergänzungen nach dem ersten Posting:
19.03.2011: Feldinhalte an EE2.x angepasst



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von Urs, am 16.10.04 um 16:21
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Eine weitere kurze Schilderung zur ?berquerung der Alpen von Hannibal:
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In der neunten Nacht erreichte Hannibal, der mit Dukarion und zwei Leibw?chtern an der Spitze seines Heeres ritt, endlich den Pass. Finster ragten die Berge empor, vom Mondlicht beschienen. Ihre eisbedeckten Gipfel reckten sich in den Himmel. Hannibal hatte den Eindruck, als wollten sie bis zu den Sternen vorsto?en, w?ren aber auf halbem Wege erstarrt - stolz, majest?tisch, gleichg?ltig allem, was rings um sie geschah.

Wie ein dunkler Strom zog das Heer langsam an den Felsh?ngen vor?ber und f?llte die Schluchten mit Rufen, klatschenden Peitschenhieben, Pferdegewieher. Der scharfe Wind riss erbarmungslos an den Umh?ngen der Krieger und lie? ihre Gesichter, H?nde, R?cken zu Eis erstarren. Die Pferde trotteten tr?bselig, mit gesenktem Kopf ihres Weges, aus ihren N?stern drangen wei?e Atemwolken.

Hannibal sah dem Aufstieg seines Heeres zu, bis es die verschneite Fl?che des Passes erreicht hatte.

Als die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages auf die Stra?e fielen, die das Heer hinter sich gelassen hatte, sah Hannibal, dass sie von krepierten Pferden und zerbrochenen Fuhrwerken ums?umt war - wie von t?nernen Spielsachen, die ein launenhaftes Kind fortgeworfen hat.

Dann wandte Hannibal sich um und blickte in die entgegengesetzte Richtung. Unwillk?rlich schrie er auf. Vor ihm lag ein bl?hendes Land, von Wasserl?ufen durchschnitten. In der Ferne funkelte das sonnenbeschienene Meer wie ein blankgeputzter Bronzeschild. Italien! Ihn erregte die N?he dieses Landes, das er noch nie gesehen, sich aber oft ausgemalt hatte. Wie anders war Italien als die vertrauten afrikanischen und iberischen Berge!

"Hierher!" schrie er seinen Kriegern zu, die von der K?lte erstarrt, von der Ersch?pfung wie gel?hmt waren. "Seht, das ist Italien, unser Ziel, unsere Beute! Ich gebe es euch ganz - mit seinen W?ldern und Fl?ssen, mit seinen St?dten und D?rfern!" Und so herrlich war der Anblick dieses Landes, so greifbahr nahe schien es zu liegen, dass alle am liebsten die H?nde nach ihm ausgestreckt h?tten, wie nach einem kunstvoll gemalten Bild, um mit den k?ltestarren Fingern die Leinwand und die leuchtenden Farben zu betasten.