Dienstag, 25. April 2006

Emotionaler Museumstag

Flieger aus dem 2. WeltkriegDer Tag beginnt mit sehr viel Nebel. So hat unsere Reiseleitung kurzum den Museumstag auf heute umorganisiert. Wir beginnen mit einem Ausflug in das "Historisch-Technische Informationszentrum" in Peenem?nde. Für die ?ltern Lesern hier, sagt wahrscheinlich das Stichwort Raketenforschung schon einiges mehr.

Im dichten Nebel und gegen einen kühlen Wind, bummeln wir zum örtlichenBahnhof hier in Zinnowitz. Eine Komposition aus Niederflurwagen bringt uns während einer viertelst?ndigen Fahrt zum Bahnhof von Peenem?nde. Schon beim Aussteigen fallen uns die langen Wohnbauten, wie man sie vielleicht aus Aufnahmen aus der DDR-Zeit, kennt, auf. Jetzt unbewohnt, unbenutzt, zerbrochene Festerscheiben, verwilderte Vorg?rten, zusammen mit dem Nebel ein eher tristes Bild. Vorbei an einem Kindermuseum, Puppenmuseum, einer ausgestellten Rakete und einem Denkmal für gefallene Soldaten, gelangen wir zum Eingang des "Historisch-Technischen Informationszentrums im Kraftwerk" wie es ganz ausgeschrieben heisst. Der Museumseingang hat merkw?rdig dicke W?nde, vielleicht 2 Meter Beton oder mehr. Schon bald werden wir von unserer Museumsf?hrung übernommen, eine Dame, welche selber ihre Kindheit in nächster N?he verbracht hat.

Während den nächsten knapp zwei Stunden erkl?rt sie uns die Geschichte von Peenem?nde. Den Zusammenhang des Baues der Heeresversuchsanstalt zur Raketenforschung, vom milit?rischen Sperrgebiet über den ganzen nordwestlichen Teil der Insel, von Wernher Freiherr von Braun (dem Konstrukteur/Erfinder des Raketenantriebes), dem zweiten Weltkrieg bis hin zur Bombardierung dieses Inselteiles durch die Briten, die Eroberung durch die Russen und schlussendlich dann die Wende und später das Abschalten des Kraftwerkes im Jahre 1990, Entmilitarisierung (1996) und seit Anfang des 21. Jahrhunderts der ?ffnung für den Tourismus. Ihre Erl?uterungen gehen mir, der ich aus einer Generation die zwar nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurde, aber in einer Zeit, in der die geschichtliche Nachverarbeitung noch nicht in der Schule gelehrt wurde, nahe, mir pers?nlich sehr nahe.

Einerseits die grosse Leistung die hier mit der Erfindung des Raketenantriebes gemacht wurde. Damit zusammenh?ngend auch all die Erstellung der Infrastrukturen, angefangen von den Wohnungen und vielen Annehmlichkeiten für die Ingenieure und Techniker, über ein eigenes Kraftwerk zur Deckung des immensen Stromverbrauchs in der Forschung der Raketentechnik, all die milit?rischen und "halbzivilen" Anlagen, den Versuchsanlagen, den Startanlagen, dem Bau eines eigenen Bahntrassees, bis zur d?steren Seite der Lager für die Zwangsarbeiter, Deportationen und Konzentrationslagern. Einerseits bewundernswert mit welcher Energie und Zielstrebigkeit hier in k?rzester Zeit grüsste Bauten erstellt wurden und das scheinbar Unm?gliche eines senkrechten Starts eines Flugobjektes eben doch möglich gemacht wird, andererseits das schiere Grauen unter Missachtung jeglicher Menschlichkeit.

Irgendwie sind wir alle froh, als uns die Sonne mit wärmenden Strahlen im Ausgang der Museumsanlage wieder begr?sst. Pers?nlich ist mir noch nie ein Besuch eines Museums so nahe gegangen. Sei es weil die Museumsf?hrung offensichtlich eine Direktbetroffene war, oder weil diese ganze Geschichte erst ein paar wenige Jahre in der Vergangenheit liegt.

Das Mittagessen nehmen wir im nahen Hafenrestaurant "Die Flunder" ein. GegenÜber liegt der welt grüsstes, jemals betriebenes Diesel U-Boot der russischen Kriegsmarine, vert?ut an der Quai-Mauer. Auch dieses könnte noch besichtigt werden. Ich, für meinen Teil, habe für heute genug Kriegsgeschichte erlebt und verzichte auf einen Besuch im inneren dieses Stahlkolosses.

Anschliessend bringt uns die niederflurige Usedomer B?der Bahn wieder einen Teil des Weges zurück. Den Rest wandern wir durch Arvenw?lder und entlang der Ostsee auf einem wunderbaren, sandigen Boden wieder zurück in unser Hotel in Zinnowitz.



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von Urs, am 25.04.06 um 23:16
in Usedom

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